Mitte Dezember schrieb ich schon einmal einen Nachschlag zu den Nachverpflichtungen. Da sich seitdem noch einiges getan hat, und am Montag der Croupier sein „rien ne va plus“ durchs Casino raunte, ist es sinnvoll, auf die Aktivitäten der Klubs in den vergangenen dreieinhalb Monaten zu blicken. Die meisten Veränderungen nahmen in diesem Zeitraum Chemnitz und Rostock vor, die jeweils drei Spieler hinzufügten. Mit Braunschweig und Heidelberg verzichteten lediglich zwei Teams auf die Option, den Kader während des laufenden Wettbewerbs zu verändern. Bezüglich der Baden-Württemberger gab es bis zuletzt Spekulationen, ob sie nach dem Abgang von Alex Barcello (Ende Februar) nicht doch noch einen Transfer tätigen würden, zumal sie faktisch (bei allem Respekt vor Andrew O’Brien) mit fünf Ausländern spielen.
Die Deutschen
Da der Markt an internationalen Spielern (vor allem während der Saison) deutlich größer ist als der der einheimischen, darf man von Schnäppchen sprechen, wenn es dabei gelingt, hochkarätige Akteure hinzuzufügen. Fünf deutsche Spieler haben sich in unserem Zeitraum einem neuen Klub angeschlossen. Craig Moller, der auch über einen australischen Pass verfügt, ist seit Anfang Januar für Bamberg aktiv. Aber der ehemalige Australian-Football-Spieler kann nach seinen Knieverletzungen nicht an die Leistungen anknüpfen, die er 2021/22 in Würzburg zeigte. Michael Kessens wurde am gleichen Tag wie Moller nachverpflichtet (10. Januar) und darf aufgrund seiner Euroleague-Meldung für Paris nicht in der europäischen Königsklasse eingesetzt werden. Seine Spielzeit in der BBL ist mit knapp 13 Minuten etwas geringer als ich (und auch er selbst?) erwartet hatte, wobei er allerdings mit 4,3 Rebounds ordentlich an den Brettern zupackt. Mit Justus Hollatz gelang den Bayern ein Coup, vor allem, weil man den 23-Jährigen bis 2028 binden konnte. Der Nationalspieler darf zwar ebenfalls nicht mehr auf europäischer Bühne mitmischen, ist aber ein wertvoller Baustein im nationalen Wettbewerb.
Wenn Du in der Saison deinen wichtigsten deutschen Leistungsträger verlierst, ist es fast unmöglich, einen auch nur annährend adäquaten Ersatz zu finden. Der SYNTAINICS MBC konnte deshalb sein Glück (im Unglück) wahrscheinlich kaum fassen, als nach der Verletzung von Martin Breunig Anfang März Eddy Edigin frei wurde. Der Center legte in seinen ersten vier Spielen für die Wölfe 9,3 Punkte und 4,0 Rebounds auf. Aufgrund der Rückkehr von Kevin Yebo durfte der 29-Jährige Chemnitz verlassen. Und Yebo, der in München nie wirklich angekommen war, trumpft und lacht und blüht und spielt bei den NINERS auf, als sei er nie weg gewesen (über seine ersten drei Spiele hatte er ligaweit den höchsten Effektivitätsschnitt).
Die Gewinner im Nachverpflichtungs-Roulette
Auch seinetwegen komme ich zu der Einschätzung, dass die Mannschaft von Rodrigo Pastore einer der Gewinner im Nachverpflichtungs-Roulette ist. In Jacob Gilyard konnte man zudem einen Spielmacher der Extraklasse gewinnen, und Damien Jefferson ist aus meiner Sicht zu deutlich mehr fähig, als er bislang gezeigt hat. Wenn die Chemie passt, ist Chemnitz wieder ein Anwärter auf das Halbfinale, auch wenn diese Saison bislang eher holprig verlief.
Auch die Rostocker haben aus meiner Sicht sehr gut nachverpflichtet. Sie mussten auf den Abgang von Godwin Omenaka und die schweren Verletzungen von Robin Amaize und D’Shawn Schwartz reagieren. Natürlich kann man über die überschaubaren defensiven Fähigkeiten von JeQuan Lewis diskutieren, aber offensiv ist der 30-Jährige wichtig. Malik Osborne hat sich als echter Volltreffer erwiesen, und Pedro Bradshaw ist ein interessanter Allrounder, der sich in kurzer Zeit schon hervorragend eingefunden hat. Dank dieses Trios können die Seewölfe trotz der Ausfälle von Amaize und Schwartz von den Play-Ins träumen.
Kochs Nachschlag
Drei Teams nutzten am 31. März noch ihre Chance, in allerletzter Sekunde ihre Kader aufzubessern. Am überraschendsten war dabei die Verpflichtung der SKYLINERS, die Duke Deen an den Main lotsten (Klub-PM). Als einziges Team im Niemandsland der Tabelle hatten die Hessen keinen dringenden Bedarf. Die Option für die kommende Spielzeit belegt, dass man das Potenzial des Rookies testen möchte. Dahingegen kam die Ulmer Aktivität nicht unerwartet. Nach dem langen Ausfall von Thomas Klepeisz und der schweren Verletzung von Isaiah Roby (Saisonende) verpflichtete der Tabellenzweite in Nate Hinton einen Akteur, der 38 NBA-Einsätze in der Vita stehen hat, aber bislang überwiegend in der G-League spielte und über keine Europaerfahrung verfügt (Klub-PM). Ähnliches gilt für den Australier Jack White, dessen offizielle Bestätigung von Münchner Seite am Freitagnachmittag kam.

Stefan Koch war zwei Jahrzehnte lang Headcoach in der ersten Liga und wurde 2000 und 2005 als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Er erreichte mit seinen Teams regelmäßig die Playoffs und trat sieben Mal im Europapokal an. Sechs Mal nahm er am TOP FOUR teil und gewann 2000 mit Frankfurt den Pokal. Zudem war der Hesse drei Mal Headcoach des All-Star-Games.
Koch arbeitet aktuell als Kommentator bei Dyn, war früher auch als Experte und Kommentator für SPORT1, Premiere, Sportdigital, DAZN und MagentaSport tätig, sowie als Scout für die NBA. Im Podcast "Talkin‘ Basketball", der auf allen gängigen Plattformen abrufbar ist, sprechen er und Oliver Dütschke regelmäßig mit Protagonisten aus der deutschen Basketballszene. Seine Kolumne zum BBL-Geschehen findet sich bei uns regelmäßig hier im News-Center rechts unter der Rubrik "Kochs Nachschlag".